Unsere Touren nach Rumänien

DER OSTEN -- IMMER EINE HÖHLE WERT

Aus Neugier suchte sich der jugendliche Teil der Höhlenforschergruppe Leipzig um die Zeit der sogenannten "Wende" und danach neue Gebiete für die Betätigung in den zahlreich vorhandenen natürlichen unterirdischen Hohlräumen Europas. Wie es in der heutigen Zeit von der flexiblen dynamischen Jugend erwartet wird, streckten wir unsere Fühler zwecks Gebietserkundung nach Ost und West aus um nicht der Einseitigkeit zu verfallen. Sowohl unsere Tour nach Frankreich als auch unsere Fahrten nach Rumänien erwiesen sich als erfolgreich in Sachen Höhlenerkundung und -befahrung. Das Frankreich bisher eine einmalige Sache geblieben ist, Rumänien aber seit der ersten Tour mittlerweile zum jährlichen Standardprogramm gehört, ist sicher nicht nur darauf zurückzuführen, daß bei etwa gleicher Anreisezeit die Gesamtkostenbetrachtung für den Aufenthalt im Land eindeutig zugunsten Rumäniens ausfällt. Die einzigen Wermutstropfen unserer Touren in Richtung "Wilder Osten" sind zahlreiche Grenzen mit dem entsprechen typischen Zeitverlust sowie die Überraschungen an der rumänischen Grenze, welche sich äußern können in kilomterlangen Warteschlangen; Grenzbeamten die geneigt sind unsere Ein-oder Ausreise zu behindern bzw. zu verzögern und die nette Idee der rumänischen Staatsgewalt für ein Touristenvisum einen jährlich schwankenden Unkostenbeitrag zwischen 20,-u. 30,-DM pro Person zu erheben.

Dafür ist der Aufenthalt im Land um so angenehmer. Die Zivilisation rückt noch sehr langsam in Richtung der Berge vor. Wir können im Gebirge zelten wo es uns gefällt. Die Wälder sind sehr natürlich; im Herbst gibt es reichlich Pilze und die Höhlen sind fast alle offen und frei zugänglich. Außerdem haben wir seit mehreren Jahren losen Kontakt zu rumänischen Höhlenforschern die sich im Erkundungsgebiet bestens auskennen und uns in einige ausgewählte Objekte der rumänischen Höhlenwelt begleitet haben. Die Begeisterung war ganz auf unserer Seite. Auf zwei recht eindrucksvolle "Löcher" wollen wir in diesem Zusammenhang kurz eingehen. Vorangestellt werden soll zur besseren allgemeinen Orientierung, daß sich unser unterirdisches Jagdgebiet im Bereich des Bihor-Gebirges und der angrenzenden Gebirgskämme befindet.

Im Jahre 1994 entdeckten wir bei einer Wanderung im Gebiet einen Schacht mit nicht einsehbarer Tiefe, vollständig vereist und einem Durchmesser im oberen Bereich von geschätzten 50m. Die Fallzeit eines Steines in den Schacht wurde nach mehreren Versuchen auf 14 Sekunden festgelegt und schon hatte das Loch seinen Arbeitsnamen- "14-Sekunden-Schacht". Zwei Wagemutige konnten es sich nicht verkneifen zwecks optischer Begutachtung der Tiefenverhältnisse des Untersuchungsobjektes eine Seillänge tief im Dunkel zu verschwinden. Viele riesige abgestürzte Bäume, schlechte Standpunkte, Eis in Mengen und kein Ende in Sichtweite - der Bericht der "Überlebenden" in Kurzform. Erwähnt sei noch, daß wir zum Abseilen -in unendlicher Klugheit- den höchstmöglichen Randpunkt des Schachtes als Ausgangspunkt gewählt hatten. Ob Zeit allein zur geistigen Reife führt ist nicht erwiesen. Ein Jahr später jedenfalls suchten wir zusammen mit unseren rumänischen Freunden einen günstigeren Einstiegspunkt - mit dem Erfolg ca. 30 m Seilaufstieg zu sparen.

Nach ca. 80 m Abstieg hatten wir zu sechst gemeinsam mit unserem wunderschönen Schlauchboot den Grund des Schachtes erreicht. Der erste Versuch, den Höhlenbach stromauf vorzustoßen mußten wir abbrechen, nachdem unser Schlauchboot bei einer Meinungsverschiedenheit mit dem ortsansässigen Gestein langsam auszuatmen begann und als Expeditionsteilnehmer ausschied. Stromabwärts endete der Weg in einem Siphon. Keine Lust zum tauchen - also Umkehr. Und wie das im richtigen Leben so ist - der eigentliche Erfolg versteckt sich im Unscheinbaren. Hier war es ein lehmiger Seitenschluf von untergeordneter Größe welcher uns zu einer Halle mit beachtlichen Ausmaßen führte und uns mit weiterführenden mäanderförmigen Gängen unbekannter Höhe und breiten hüfttiefen Bachläufen ohne erreichbares Ende überraschte. Der Rest bleibt Vermutung, ebenso wie der Verbindungsweg zwischen unserem Einstiegsschacht (in der Literatur unter "Germanata" geführt) und dem Negro-Schacht, der vorhanden, aber bei der Vielzahl der Wege und Möglichkeiten nicht eindeutig festzulegen ist. Als wir das dramatische Loch verlassen, haben bereits die Sterne die Herrschaft am Himmel übernommen - wie meistens. Wir sind etwas eingestaubt, nicht mehr ganz trocken, ein wenig müde und drohen jeden Moment zu erfrieren - aber sonst außerordentlich zufrieden. Die Höhle hat uns (hoffentlich) nicht das letzte mal gesehen. Sie ist uns ja praktisch noch eine Unbekannte.

Eine andere interessante Schachthöhle ist die "Groapa Sturzii". Sie wurde gegen 1920 vom ortsansässigen Revierförster unfreiwillig entdeckt. Der Förster wurde vermißt gemeldet und nach entsprechender Suchaktion auf dem Grund des Schachtes gefunden. Er war nicht das erste und nicht das letzte Opfer dieses versteckten Einsturztrichters. Die Höhle selbst besteht nach dem Einstieg in ein winziges tückisches Loch und ca. 25 m Abseilstrecke aus einem 40-50 m hohem Raum, welcher durch einen Absatz in zwei Etagen geteilt wird. Auf dem ersten Absatz lagerte zur Zeit unserer Befahrung ein gut erhaltenes totes Pferd bei dem der Verwesungsprozess gerade begann. Die Höhle ist also auf ihre Weise noch aktiv und auch die Einzäunung aus Draht am Mundloch kann scheinbar ihre zweifelhafte Anziehungskraft auf lebende Wesen nicht verringern. Der gesamte Boden ist von Schädeln aller Art sowie Gehörnen, Geweihen und Knochen übersät. Die Zierde des "Kellers" ist außer den ortsüblichen Skeletteilen ein fast kugelrunder Stalagmit von ca. 3-4 m Höhe und Durchmesser. Der weniger angenehme Geruch des Pferdes treibt beim Verlassen der Höhle etwas zur Eile. Wieder am Tageslicht haben wir diesmal neben einem außergewöhnlichen Erlebnis noch die Freude an der frischen unverbrauchten Luft gratis dazu.

Mit der Hoffnung auf zahlreiche weitere ein- oder mehrwöchige Touren in das Land der zahlreichen Höhlen wollen wir an dieser Stelle verbleiben und die Vorfreude auf künftige Fahrten - wohin auch immer uns diese führen werden - genießen.

GLÜCK AUF!

Zurück